Schwerpunkt 2006
Zurück in die
Zukunft?
Dieses Mal
hat das Festivalteam den Schwerpunkt „Zurück in die Zukunft? – Die
(neuen) Erben des Kolonialismus“ gewählt. Und dies aus aktuellem
Anlass.
Denn das Verhältnis zwischen den westlichen Industrieländern
und einzelnen afrikanischen Staaten nimmt in letzter Zeit neue Formen
an. Dabei erlebt der Kolonialismus eine neue Rechtfertigung und die Geschichte
wird umgeschrieben. Dieses Phänomen kommt in der öffentlichen
Diskussion und in den Medien hierzulande jedoch kaum zur Sprache.
Interessanterweise lassen sich diese Entwicklungen gleichzeitig in Europa
und Afrika beobachten. Drei Beispiele:
Erst vor Kurzem hat das französische
Parlament die Verdienste der afrikanischen Soldaten, die für die
Kolonialmacht gekämpft hatten, als „zivilisatorischen“ Beitrag gepriesen
und damit die Kolonialisierung Afrikas gerechtfertigt. Dieser Beschluss
des französischen Parlaments löste große Aufregung in
der Öffentlichkeit aus. Die Unabhängigkeitskämpfe hingegen
erfahren bislang keine historische Aufwertung.
Eine indirekte Geschichtsumschreibung
erfährt derzeit Südafrika. Die systematisch geschürte Gewalt
unter dem Apartheidsregime war immens. Trotzdem wird offiziell nur die
heutige Gewalt problematisiert und deren Gründe allein in der jetzigen
sozial brisanten Situation vieler Unterprivilegierter (Auflösung
der (schwarzen) Familien, Alkoholismus in den Townships) gesehen. Dies
führt zu einer Verharmlosung der Vergangenheit und einer Verklärung
der Gegenwart.
Zunehmend dienen also (sozio)kulturelle Argumente einer Neuformulierung
von Geschichte. Auch einige afrikanische Intellektuelle folgen dieser
Argumentation und rechtfertigen so direkt oder indirekt den Kolonialismus.
Ein Beispiel hierfür ist die kamerunische Schriftstellerin Axelle
Kabou. In ihrem umstrittenen Buch „Weder arm noch ohnmächtig“ von
1995 sieht sie die Gründe für den Stillstand Afrikas in seiner
„kulturellen Rückständigkeit“ und ablehnenden Haltung gegenüber
einer Entwicklung.
Tatsächlich jedoch ist
das heutige Kulturleben in Afrika oft sehr lebendig und innovativ und
eröffnet Perspektiven für die Zukunft. Hier sehen viele afrikanische
Intellektuelle, Künstlerinnen und Künstler ihre Rolle. Sie erheben
ihre Stimme und üben starke Kritik am Ergebnis von vierzig Jahren
Unabhängigkeit. Während sie ihre Staaten als korrupt, ineffizient
und abgewirtschaftet betrachten, fordern sie ihre Bewohner auf, das Schicksal
selbst in die Hand zu nehmen. Dabei spielt die Kultur eine wichtige Rolle.
Ihnen allen möchte das
Festival Africa Alive 2006 eine Plattform bieten.
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